Arbeitswelt 15.04.04
Preisverleihung Design-Preis Gut•in•Form
Auf der Werkstätten Messe 2004 wurde der Designpreis Gut•in•Form bereits zum 11. Mal vergeben.
Wie auch in den vergangenen Jahren hielt Prof. Dr. Volker Fischer vom Frankfurter Museum für angewandte Kunst die Rede zur Preisverleihung.
Auf vielfachen Wunsch geben wir hier den Wortlaut wieder.

Sehr geehrter Herr Landrat Walter,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Grandke,
sehr geehrte Frau Ficke,
sehr geehrter Herr Dr. Auge,
sehr geehrter Herr Stier,
sehr geehrter Herr Mosen,
sehr geehrter Herr Dahesch,
liebe Aussteller und Werkstattangehörige,
meine Damen und Herren,

aufgrund der in diesem Jahr etwas umfangreicheren Rednerliste bin ich als Vorsitzender der Jury Gut•in•Form gebeten worden, mich etwas kürzer zu fassen als in den letzten Jahren. Dazu gehört auch, daß ich nicht alle Persönlichkeiten namentlich begrüßen kann, es aber auf diesem Wege trotzdem allgemein tun möchte. Herzlich Willkommen.

Doch lassen Sie mich vor der Preisvergabe noch ein paar allgemeine Bemerkungen machen.

Dabei will ich dieses Jahr davon absehen, über sozialpolitische, gesellschaftspolitische und, ja auch, mentalitätspsychologische Kontexte von Werkstätten und Werkstattarbeit zu sprechen. Dies haben im übrigen ja meine Vorredner in einer bewundernswerten Balance zwischen Deutlichkeit und Diplomatie bereits getan. Ich möchte in dieser sozialpolitischen Hinsicht nur noch einen wie mir scheint, bemerkenswerten Satz des von mir hochgeschätzten Literaten Curt Goetz hinzufügen, der einmal gesagt hat: "Allen ist das Denken erlaubt, Vielen bleibt es erspart." Dies nur als kleiner Hinweis an die Adresse mancher, die durch Gesetzgebung, veränderte Abgaben und Steuersätze, die ökonomischen Chancen, um nicht zu sagen: Schicksale vieler Werkstätten per Federstrich und parlamentarischer Debattenbeiträge nachhaltiger beeinflussen, als dies eine noch so engagierte betriebswirtschaftliche Optimierung einer Werkstatt im positiven Sinne zu leisten im Stande ist. Konzentrieren wir uns also auf die Messe selbst; erneut und zum wiederholten Male - ich bin im neunten Jahr dabei - sind mir und unserer Jury bei unseren Rundgängen hier durch die Hallen generell positiv aufgefallen:
  • die Warmherzigkeit und Auskunftsfreudigkeit der Aussteller
  • die nochmals verbesserte Präsentationästhetik vieler Stände
  • das schöne, in die Messe integrierte gastronomische Angebot, diesmal von den Hainbachtal-Werkstätten in Offenbach sowie von Hephata (deftig, deftig!)
  • das nach wie vor kryptische Leitsystem (gut, das war jetzt kein positiver Punkt)
  • die großartige Gastfreundschaft der BAG WfbM für uns Jurymitglieder: man wird förmlich mit belegten Brötchen erschlagen und wahlweise in Kaffee, O-Saft oder Mineralwasser ertränkt!
  • Und schließlich: die beiden diesjährigen Sonderausstellungen - 10 Jahre Gut•in•Form - und der kleine Pavillon "Equality" der Tendence aus Frankfurt sind ein abwechslungsreicher Gewinn. Vielen Dank an Frau Ficke für die Organisation dieser Bereiche.
Die Jury ist insgesamt der Ansicht, daß sich die Werkstätten Messe in den letzten elf Jahren seit Beginn der Auslobung des Preises Gut•in•Form inhaltlich und gestalterisch stark entwickelt und professionalisiert hat.
Dies gilt nicht nur für die Standgestaltung und die Produktgestaltung, sondern auch für die Produktentwicklung mit Hilfe externer Fachleute. Vieles wurde von den Werkstätten verbessert bzw. optimiert. Der lange Atem der Werkstätten zahlt sich nach Meinung der Jury aus. Es zeigt sich dabei eindeutig eine Veränderung vom Produkt- zum Markendenken. Daher wird es heute Abend drei Preisträger geben, die gleichwertig, aber mit unterschiedlichen Voraussetzungen den Trend zum "Produktprogramm" verfolgen.

Die Jury übrigens [Holger Burckhardt, Leiter Design Zentrum Hessen; Volker Hohmann, Ikarus Vertriebs GmbH; Lutz Dietzold, Rat für Formgebung/German Design Council; Alfred Heitauer, Vertreter der Inntalwerkstatt und ich] hat sich in diesem Jahr schwerer getan als in den vergangenen. Dabei bin ich immer wieder von der Professionalität meiner Kollegen beeindruckt, wenn nach einem ersten 90-minütigen Rundgang, den alle Jurymitglieder jeder für sich alleine absolviert haben - und darauf lege ich Wert -, die Herren gemeinsam mit ungefähr 30 preisdiskutablen Vorschlägen in unsere Besprechungskemenate kommen, und sich dann herausstellt, daß die Hälfte doch Mehrfach-Nennungen sind, dann ist dies ebenso bemerkenswert wie ungewöhnlich.

Ich habe davon gesprochen, daß wir uns schwerer getan haben: Am Anfang, und nach den üblichen Ausscheidungsdiskussionen, schien es zunächst so, daß wir die übliche Plazierung beibehalten könnten, also erster, zweiter, dritter Preis für hervorragende Produkte und zwei Anerkennungspreise, einerseits für eine exzeptionelle Standgestaltung, andererseits für eine Produktidee, eine Dienstleistung, also für ein im weiteren Kontext stehendes produktüberschreitendes Angebot einer Werkstatt.
Über die Anerkennung waren wir uns relativ schnell und einstimmig einig - ich werde sie später begründen - aber die drei, auch mit Geld, Urkunde und Skulptur versehenen "Produkt-Preise" waren in diesem Jahr nicht einfach zu entscheiden. Die prinzipiell preiswürdige Gruppe stand fest, nicht aber die Reihenfolge. Deswegen hat die Jury, nach durchaus langer Diskussion, beschlossen, in diesem Jahr drei gleichwertige Preise zu vergeben. Die prämierten Produktlinien sind insofern vergleichbar, weil bei diesen drei jeweils nicht mehr ein singuläres Produkt im Vordergrund steht, sondern auf jeweils spezifische Weise ein Systemgedanke, ein vernetztes Denken Platz greift. Damit ist gesagt, daß eine Produktpalette, ein Produktfamilie produktionslogistisch wie verarbeitungsstrategisch aufeinander abgestimmt wird. Nicht der singuläre Einfall, sondern die Deklination einer Produktidee in verschiedenen Varianten ist bei aller Unterschiedlichkeit das Verbindende: und die Jury hält dies prinzipiell für positiv.

Aber wir wollen jetzt nicht die gewissermaßen systemvernetzte Folter der unbefriedigten Neugier fortsetzten: wir kommen zur Preisverleihung:

Preisverleihung Gut•in•Form 2004

Ich möchte nun die Gewinner des diesjährigen Wettbewerbes bekanntgeben:
Anerkennungspreis : "Gut•gemacht!"
"Kaffeerösterei Samocca"
Ostalb-Werkstätten

Die Jury möchte dieser Werkstatt für die ästhetisch ansprechende Standgestaltung ihres neuen
Betätigungsfeldes, der Kaffeerösterei, ihre Anerkennung für den diesjährigen Messeauftritt aussprechen. Durch ihren schlüssigen Auftritt schafft es die Werkstatt, Kaffeegenuß erlebbar zu machen. Es ist eine der Traditionen dieses Preises, besonders solche Messepräsentationen auszuzeichnen, die auch Vorbildcharakter für andere haben können. Der Trend, Kaffeegenuß als besonderes Erlebnis zu präsentieren, nimmt die Werkstatt konsequent auf, indem sie die Tradition der "Wiener Kaffeehäuser" aufnimmt und eine Dienstleistung vom Rösten bis zum Bewirten im an der Werkstatt angeschlossenen Kaffeehaus anbietet. Dem Konzentrationsprozeß und Verdrängungswettbewerb in den kommerziellen Filialen bundesweit tätiger Anbieter versucht die Werkstatt durch die Diversifizierung der Kaffeesorten, durch eine von der Werkstatt entwickelte besondere Vakuumverpackung und durch eine eigene Markenbildung zu begegnen. Dazu gehört auch das besondere und hochwertige Porzellan, welches im Ausschank verwendet wird.

Anerkennungspreis : "Die•Idee!"
Hotel Witikohof
Integrationsprojekt der Wolfsteiner Werkstätten

In der Kategorie "Die•Idee!" zeichnet die Jury das Hotelkonzept des Witikohofes aus.
Im "Herzen" des bayerischen Waldes hat dieses Integrationsprojekt ein echtes behindertengerechtes Vier-Sterne-Hotel mit entsprechendem Wellness-Bereich aufgebaut. Dabei bietet das Hotel Familien, Senioren und Reisegruppen mit und ohne Handicap einen Urlaub, aber auch ein Tagungsangebot ohne Einschränkungen. Dieses integrative Angebot ist auch unter sozialpolitischen Aspekten begrüßenswert, zeigt es doch, daß bei entsprechender Planung und konsequenter Umsetzung optimale Bedingungen für Urlaub, Tagungen und für Mitarbeiter geboten werden können. daß die strengen Voraussetzungen für den Betrieb eines Vier-Sterne-Hotels in Deutschland auch mit dem Personenkreis von Integrationsprojekten erfüllt werden können, wird damit eindrucksvoll aufgezeigt.

Die Jury zeichnet dieses Dienstleistungskonzept besonders deshalb aus, weil dieses Hotel durch die Zusammenarbeit von behinderten und nichtbehinderten Menschen zur Integration behinderter Menschen in der Gesellschaft beiträgt.

Preisträger: "OfficeLine"
Steinhöringer Werkstätten

Diesen Preis hat die Jury den Steinhöringer Werkstätten für ihre Gesamtkonzeption ihrer "Büroutensilien"-Kollektion "Office line" zuerkannt.
Dabei hat die Werkstatt klassische Produkte durch neues Design und die gemeinsame Nutzung der Materialien Holz und Metall vorbildlich aufgewertet. Das Gestaltungskonzept ist durchgängig und abgestimmt und bietet durch seine spezielle Charakteristik eine ansprechende Wertigkeit. Besonders die aufeinander abgestimmte Gesamtkonzeption dieses bisher aus 13 Teilen bestehenden Sortiments vom eigentlichen Produkt über die Werbematerialien bis hin zur Standpräsentation hält die Jury für sehr gelungen. Insbesondere die qualitativ hochwertigen Kommunikationsunterlagen sind vorbildlich. Auch das Preis-Leistungsverhältnis schätzt die Jury als angemessen ein. Bei einigen Teilen dieser ausgezeichneten Serie werden zwar noch Verbesserungsmöglichkeiten gesehen, was aber insgesamt den stimmigen Gesamteindruck nicht schmälert.

Preisträger: Taschenkollektion
Werkforum Kiel

Die Jury zeichnet eine Produktlinie des Werkforums Kiel aus.
Die von dieser Werkstatt gefertigten Taschen aus recycelten Materialien wie z. B. Werbeplanen, Autogurten und Fahrradschläuchen stellen modische Trendprodukte dar. Diese Kollektion besticht dadurch, daß durch die Art der Herstellung Serienprodukte zu unverwechselbaren Unikaten werden. Durch die geschickte Differenzierung der einzelnen Produkte in ihrer Verpackung und Gestaltung wird eine höherwertige Wahrnehmung bei den Verbrauchern erzielt. Die individuellen Dekore der Taschen, die in unterschiedlichen Farben, Formen und Größen angeboten werden, sprechen dabei eine Zielgruppe an, die nicht werkstatttypisch ist. Durch die Verwendung von einer Wort-Bild Marke auf den jeweiligen Beschlägen und Verschlüssen wird die Wiedererkennung des Produzenten angestrebt. Der stimmige Auftritt auf der Messe, das gesamte Marketingkonzept für diese Warengruppe, die hohe Qualität der Produkte und insbesondere das graphische Konzept ihrer Darbietung sind nach Meinung der Jury vorbildlich.

Preisträger: Kofferkollektion
Presikhaaf Industriele Producten, Arnheim / Niederlande

Die Jury freut sich, daß erstmals ein Aussteller aus einem europäischen Nachbarland bei der Preisvergabe Berücksichtigung findet. Dabei ist sich die Jury bewußt, daß sich Werkstätten aus den Niederlanden und aus Deutschland bei dem beschäftigten Personenkreis stark unterscheiden.
Daß die Entscheidung in diesem speziellen Fall zu Diskussionen führen kann, nimmt die Jury in Kauf, da sie von der umfangreichen Produktpalette der Einrichtung sehr angetan ist. Das Koffersortiment besteht aus Schalenkoffern sowohl aus Aluminium als auch aus ABS-Kunststoff, wobei die gesamte Herstellung inklusive des "Tiefziehens" in der Einrichtung erledigt wird. Besonders überzeugend ist die Serviceorientierung des Unternehmens. Dabei werden Sonderanfertigungen, individuelle Inneneinteilungen und sogar die dreidimensionale Einbeziehung eines Kundenlogos möglich. Gerade im Produktfeld der Schalenkoffer werden auf dem Markt viele Teile durch professionelle gewerbliche Unternehmen angeboten, die zur Kostenoptimierung in Billiglohnländern produzieren lassen. Hier setzt die niederländische Einrichtung einen Gegenpol. Sie bietet anspruchsvolle Produkte mit hoher Verarbeitungsqualität, die durch eigenständig entwickelte technische Lösungen brillieren. Die Jury ist beeindruckt von der hohen handwerklichen Perfektion der Verarbeitung und der Fertigungstiefe dieser klassischen Produkte. Gerade in dieser speziellen Produktgattung werden die hohe ästhetische Qualität, optimale Gebrauchseigenschaften, handwerkliche Perfektion und eine langlebige Robustheit vom Kunden erwartet.

Meine Damen und Herren, ich wünsche Ihnen nun allen einen geselligen Abend und anregende Gespräche. Getränke und Speisen kommen dieses Jahr aus meiner Heimat Hessen und werden von der Werkstatt aus Offenbach in Zusammenarbeit mit Hephata aus Schwalmstadt angeboten.

Den musikalischen Teil der Preisverleihung verdanken wir der COMBO aus der Werkstatt Hainbachtal in Offenbach, die bereits auf europäischer Ebene ihre Anerkennung erhalten hat. Und das zu Recht, wie wir jetzt auch aus eigener Erfahrung sagen können. Vielen Dank an die COMBO!

Viel Spaß weiterhin und, last but not least, gute Geschäfte!


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