Panorama 16.04.14
Neue Wege in die Arbeitswelt für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen
Gleich zwei Fachveranstaltungen widmen sich im ersten Halbjahr 2014 Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen. Am 24. und 25. April finden die Münchener Fachtage „Aktiv leben mit erworbenen Hirnschädigungen“ externer Link statt. Zwei Tage stellen Experten in Fachvorträgen und Workshops erfolgreiche nachklinische Konzepte für Menschen mit erworbener Hirnschädigung vor. Veranstalter sind die Stiftung Pfennigparade in Kooperation mit der LAG WfbM Bayern e. V.

Vom 2. bis 3. Juni 2014 findet in Berlin die dritte Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Werkstätten für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen externer Link (AG WfMeH) statt. Ausrichter sind die Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung GmbH (BWB). Der Fokus der Veranstaltung liegt in diesem Jahr auf den bisherigen Erfahrungen aus der Werkstattarbeit mit dem Personenkreis der Menschen mit erworbenen Hirnschäden. Neben dem Erfahrungsaustausch sollen Fragen des Mehrbedarfes für MeH in Werkstätten, Fragen der Finanzierung dieses Mehrbedarfes, die möglichen Stolpersteine und auch negative Erfahrungen bei der Umsetzung thematisiert werden.

Die Welt neu aufbauen: Arbeitsgemeinschaft fördert fachlichen Austausch
Meist geschieht es plötzlich: Ein Unfall, ein Schlaganfall… Betroffene einer Hirnverletzung müssen vielfach neu in der Welt ankommen. Sie und ihre Angehörigen müssen mit kognitiven, körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen neu leben lernen. Nach Krankenhausaufenthalt und Rehabilitation sind sie oft weiterhin auf aktive Unterstützung und Orientierungshilfen angewiesen. Um wieder im Arbeitsleben Fuß zu fassen, brauchen sie spezielle Förderangebote.

Diese Förderangebote in Werkstätten weiterzuentwickeln, ist das Ziel der 2011 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Werkstätten für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen (AG WfMeH). Mit der Weiterentwicklung der Arbeitsangebote will sie die Lebenssituation der Betroffenen verbessern. Eine zentrale Aufgabe sieht die Arbeitsgemeinschaft darin, den fachlichen Austausch über Konzepte und Ansätze der beruflichen Rehabilitation von Menschen mit erworbenen Hirnschäden zu fördern. Diese Erkenntnisse und Ansätze sollen in einem gemeinsamen Wissenspool dokumentiert werden. Die Arbeitsgemeinschaft möchte eine bundesweite Datenplattform schaffen, um ein Netzwerk von Fachleuten in diesem Bereich zu knüpfen.

Die Arbeitsgemeinschaft fördert neue Angebote. „Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen fühlen sich in Werkstätten häufig den Mitarbeitern mit geistiger oder psychischer Behinderung nicht zugehörig. Daher nehmen sie die dort bestehenden Angebote nicht wahr“, berichtet Thomas Snider, einer der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft. „Deshalb haben einige Werkstätten Angebote speziell für Menschen mit Hirnschädigungen entwickelt“, so Snider. „Diese Entwicklung möchten wir fördern, dafür werben wir als Arbeitsgemeinschaft“.

Was bietet eine Werkstatt, die sich auf Hirnschädigungen spezialisiert hat?
„Ein wesentlicher Vorteil ist es, dass sich bei einem spezialisierten Werkstattangebot die beteiligten Fachkräfte mit den störungsbildspezifischen Auswirkungen von Hirnschädigungen auskennen“, führt Snider an. Das setzt eine große Neurokompetenz im Team der Fachkräfte voraus, sei es auf dem Gebiet der Neuropsychologie oder der Neuropädagogik.

Idealerweise ist das Team multidisziplinär besetzt. Es besteht aus Neuropsycholog/innen, Sozialarbeiter/innen, Psycholog/innen, Pädagog/innen und Ergotherapeut/innen ergänzt durch Krankenpfleger/innen und Heilerziehungspfleger/innen. Dazu kommen externe Therapeuten wie Physiotherapeut/innen und Logopäd/innen. Wichtig ist eine intensive Teamentwicklung mit Neuro-Fortbildungen für das Team und regelmäßigen Fallbesprechungen.

Die Erfahrung zeigt, dass Rehabilitanden mit erworbenen Hirnschädigungen eine besonders individualisierte Förderung benötigen. Dafür ist ein kleinteiliger flexibler Förderplan notwendig, der die eingeschränkte Belastbarkeit beachtet und dennoch die Leistung steigert. Insbesondere bei schwerer beeinträchtigten Personen ist oftmals eine intensivere Unterstützungsleistung als im üblichen Berufsbildungsbereich erforderlich. In vielen Fällen haben die Rehabilitanden vor ihrer Erkrankung eine Berufsausbildung abgeschlossen oder einen akademischen Grad erworben. An diesem beruflichen Lebenslauf anzuknüpfen und neue erreichbare Berufsziele zu stecken, ist keine leichte Aufgabe für die Fachkräfte.

Für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen ermöglicht die Arbeit in der Werkstatt häufig wieder die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft. Sie befinden sich in einem Umfeld von Menschen, die ein ähnliches Schicksal erfahren haben. Daraus ergeben sich gute Anknüpfungspunkte für neue Beziehungen. Sie können sich über ihre Erfahrungen mit Therapeuten austauschen, lernen bislang unbekannte Selbsthilfegruppen kennen oder treffeb sich zu gemeinsamen Aktivitäten außerhalb der Werkstatt. Weniger schwer betroffene Menschen assistieren den Personen mit starken Einschränkungen, was das Selbstvertrauen das Gemeinsamkeitsgefühl stärkt.

Neue Perspektiven ergeben sich auch für die Angehörigen der Betroffenen. In vielen Fällen kam es nach dem Schädigungsereignis zu einem „Rollenwechsel“ vom Ehepartner zum rund um die Uhr pflegenden und betreuenden Lebensgefährten. Die Angehörigen sind nach der Aufnahme in der Werkstatt in der Lage, auch wieder ihren eigenen Interessen nachzugehen oder ihren Beruf auszuüben.

Bedarf nimmt zu
Rund 500.000 Menschen sind es jährlich in Deutschland bei denen nach einem Schlaganfall oder einem Schädel-Hirn-Trauma eine Hirnschädigung diagnostiziert wird, berichtet die Arbeitsgemeinschaft Werkstätten für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen. Rund 100.000 der Betroffenen benötigen anschließend eine dauerhafte Unterstützung und lebenslange Nachsorge.

Dank des medizinischen Fortschritts haben die Menschen mit Hirnschädigungen heute eine wesentlich höhere Überlebenschance. Seit 15 Jahren zeichnet sich diese positive Veränderung nachweisbar ab, weiß Snider. Daraus ergibt sich eine steigende Zahl von Menschen, die ein für sie passgenaues Angebot zur beruflichen Wiedereingliederung und Rehabilitation brauchen.

Die Nachsorge nach Abschluss der medizinischen Rehabilitationsmaßnahmen ist ausbaufähig, urteilen Fachleute auf dem 8. Nachsorgekongress der Arbeitsgemeinschaft Teilhabe, Rehabilitation, Nachsorge und Integration nach Schädelhirnverletzung, die am 27. und 28. März in Berlin zusammenkamen. Betroffene und Angehörige werden mit der Zukunftsplanung vielfach allein gelassen. Häufig gestellte Fragen sind: Welche beruflichen Perspektiven habe ich mit meiner Beeinträchtigung? Wie finde ich ein jetzt für mich passendes Arbeitsfeld? Wie gehe ich die berufliche Eingliederung an? Welche Maßnahmen muss ich für meine Altersversorgung treffen?

Hier können Werkstätten für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen beraten und sie können passgenaue Arbeitsangebote machen. Werkstätten bieten Menschen mit einer mittelgradigen Beeinträchtigung vorbereitende Maßnahmen zur Reintegration auf den ersten Arbeitsmarkt. Für Menschen mit schwerer Beeinträchtigung suchen Werkstätten nach Wegen, um ein reguläres Beschäftigungsverhältnis auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen, beispielsweise in Form eines Außenarbeitsplatzes. Die Beschäftigten werden von der Werkstatt unterstützt und begleitet. Werkstätten bieten gegebenenfalls eine dauerhafte Arbeitsperspektive, wenn der Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt nicht zu erreichen ist. Für Menschen mit sehr schweren Beeinträchtigungen besteht die Perspektive des Besuchs einer Tagesförderstätte.

Ansprechpartner der Arbeitsgemeinschaft
Gewählte Sprecher und Ansprechpartner der Arbeitsgemeinschaft der Werkstätten für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen sind:

Thomas Snider, Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung GmbH
Kontakt: Tel.: 030 / 390 96-622, E-Mail: Snider@bwb-GmbH.de
Das Kompetenzzentrum für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen der BWB beschäftigt derzeit 21 Mitarbeiter mit Beeinträchtigung. Zwei Gruppen im Berufsbildungsbereich und zwei Gruppen im Arbeitsbereich (Büro und Montage, Konfektionierung) bieten Qualifizierung und Beschäftigung. Die BWB GmbH gestaltet an 13 Standorten Arbeit für insgesamt rund 1.600 Mitarbeiter mit Behinderung. Sie werden von rund 320 Fachangestellten unterstützt.

Stefan Strabelzi, Alexianer Werkstätten Köln GmbH, Köln
Kontakt: Tel.: 02236 / 92 91 612 oder E-Mail: s.strabelzi@alexianer.de
Die Alexianer Werkstätten eröffneten im November 2011 eine Werkstatt für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen im Stadtteil Rodenkirchen. Mittlerweile arbeiten über 60 Beschäftigte mit erworbenen Hirnschädigungen in den Arbeitsbereichen Montage, Hauswirtschaft, EDV, Digitalisierung und der Schreinerei. Dazu gehören außerdem betriebsintegrierte Arbeitsplätze und Praktikaplätze in Kölner Unternehmen. Um dem Bedarf im Großraum Köln gerecht zu werden, erschließen die Alexianer Werkstätten aktuell weitere Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Hirnschädigungen.

Thomas Vohsen, Hephata-Werkstätten gGmbH, Mönchengladbach
Kontakt: Tel.: 02166 / 985 013, E-Mail: Thomas.Vohsen@hephata-mg.de
Der speziell konzeptionierte Bereich für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen bietet 60 Rehabilitanden einen passgenauen Arbeitsplatz. Die Hephata Werkstätten gGmbH umfasst sieben Betriebsstätten in Mönchengladbach und eine Betriebsstätte in Mettmann mit ca. 1.600 Beschäftigten und ca. 320 Fachangestellten. Sie gehört zur evangelischen Stiftung Hephata, die für 2.600 Menschen mit Behinderung Angebote in den Bereichen Wohnen, Werkstätten, Jugendhilfe, Beschäftigung- und Bildung unterbreitet.

Michael Bauer, Pfennigparade, München
Kontakt: Tel.: 089 / 8393-4622 E-Mail: michael.bauer@pfennigparade.de
Die Werkstatt der Pfennigparade bietet 520 Werkstattbeschäftigten unterschiedliche Arbeitsangebote im IT- und Kreativbereich, davon sind ca. 190 Beschäftigte von einer erworbenen Hirnschädigung betroffen. Aufgrund der zwanzigjährigen Zusammenarbeit mit dem nachklinischen Wohnangebot mit Tagesstruktur, der Reversy GmbH der Pfennigparade, verfügt das Fachpersonal über das notwendige Neurowissen, um in multiprofessionellen Teams den individuellen Reha-Prozess passgenau zu gestalten.

Auf Facebook gibt es eine geschlossene Gruppe „AG der Werkstätten für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen“. Interessierte, die gerne der Gruppe beitreten möchten, senden eine Mail an die Sprecher der Arbeitsgruppe.


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