Bildung 22.01.07
Ergebnisse einer Erhebung zur Teilhabe an Arbeit für Menschen mit Autismus in der WfbM
"Möglichkeiten der Teilhabe an Arbeit für Menschen mit Autismus in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen in der Bundesrepublik Deutschland"

Die nachstehende Erhebung wurde im Rahmen einer Diplomarbeit an der Ev. Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum in dem Fachbereich Sozialpädagogik im September 2006 erstellt.

Die Autorin, Susanne Weber-Schuhmacher aus Schalksmühle, ist als Heilpädagogin in den Märkischen Werkstätten für Menschen mit Behinderungen tätig und als Abteilungsleiterin für die Förderbereiche verantwortlich. Als eigenständiger Beitrag handelt es sich um die gekürzte Fassung eines Teilbereiches der Diplomarbeit.

Gegenstand und Zielsetzung der Erhebung

Die vorliegenden Prozentzahlen sagen aus, daß circa 65%, d. h. der überwiegende Teil der Menschen mit Autismus, in den Werkstätten dauerhaft arbeiten (vgl. Dalferth 57/2004, 4 in "Hilfe für das autistische Kind"). Die vorliegende Erhebung untersucht, wie sich bundesweit die Möglichkeit der Teilhabe an Arbeit in Werkstätten für diesen Personenkreis gestaltet. Abgefragt wurde die Anzahl der Tätigen in Bezug auf die Gesamtgröße der Werkstätten, die Bereiche der Teilhabe, die Arbeitsgebiete sowie die Erfahrungen in Bezug auf "autismusspezifische" Rahmenbedingungen. Die angewendeten Konzepte, Methoden und Dokumentationen waren ebenfalls Gegenstand der Erhebung und die Abfrage persönlicher Erfahrungen und Einschätzungen der Fachkräfte innerhalb des Arbeitsalltages.

Bisher existierten für die Bundesrepublik Deutschland lediglich Beschreibungen einzelner Einrichtungen und ihrer Angebote (vgl. Dalferth 57/2004, 4 in "Hilfe für das autistische Kind"). bzw. exemplarische Situationsbeschreibungen Betroffener (vgl. Rickert-Bolg, 2002, 4 in Hilfe für das autistische Kind). Die Erhebung wurde mit der Zielsetzung durchgeführt, mit Hilfe einer Übersicht die Situation der Menschen mit Autismus in Werkstätten für behinderte Menschen allgemeiner zu fassen und auf eine breite Ebene zu stellen.

Untersuchungsinstrument

Für die Untersuchung wurde ein von mir konzipierter kurzer Fragebogens mit neun Fragen erstellt. Die Fragen wurden teilweise theorie-, teilweise praxisgeleitet gewählt. In einem Vorversuch wurde der Fragebogen in zwei Einrichtungen geprüft, abgeändert und bereinigt. Wichtig war zu erkennen, ob die gestellten Fragen allgemein verständlich und klar formuliert waren und unmißverständlich beantwortet werden konnten. Der Umfang und die Gestaltung der Erhebung sollten die notwendigen Daten berücksichtigen und den, in Abhängigkeit durch die Zeitvorgabe der Diplomarbeit, zur Verfügung stehenden Auswertungszeitraum. Es mußte zudem der Bearbeitungszeitraum für die angesprochenen Fachkräfte, ihre Erreichbarkeit, die Durchführbarkeit und die Akzeptanz des Arbeitsumfanges in die Überlegungen mit einbezogen werden. Teilweise waren Mehrfachantworten möglich und zum Teil wurde Platz für ergänzende Erklärungen vorgehalten.

Durchführung und Rücklaufquote

Der Fragebogen wurde von mir am 19.03.2006 an die Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM), versendet. Insgesamt sind in der Bundesarbeitsgemeinschaft 641 der 683 Werkstätten vertreten. Der Fragebogen wurde über die BAG WfbM an die Adressen der 641 Werkstätten elektronisch verschickt, mit der Bitte um Bearbeitung bis zum 01.05.2006. Die Antworten erfolgten direkt an meine E-Mail Adressen. 223 bearbeitete Fragebögen wurden zurück gesendet. Das entspricht einer Rücklaufquote von 35%. 42 Antworten konnten wegen unvollständiger Angaben nicht ausgewertet werden. Die Quote der ausgewerteten Fragebögen lag infolgedessen bei 28,7%.

Quantitative und qualitative Auswertung

Die quantitative Auswertung erfolgte am PC mit Hilfe des Excel Programms und beinhaltet überwiegend Häufigkeitsauszählungen. Die zusätzlichen schriftlichen Hinweise der Fachkräfte ergaben weitere Angaben für eine qualitative Analyse. Vergleichbare Hinweise, Lösungsvorschläge und Wünsche wurden zusammengefaßt. Die qualitative Analyse ermöglichte auch, gewisse Antworten besser zu verstehen oder zu deuten.

Die Auswertung der Erhebung
1. und 2. Frage -Werkstattgröße und Anzahl der Menschen mit Autismus

Ermittelt wurde durch die erste und zweite Frage die Anzahl der tätigen Menschen mit Autismus, diagnostiziert durch ICD 10 (84ff) DSM-IV, bezogen auf die Gesamtzahl der vorgehaltenen Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen.

Ergebnis

64.879 Menschen mit Behinderungen arbeiten in den befragten 181 Werkstätten. In 159 Einrichtungen arbeiten 1.046 Menschen mit einer nach ICD 10 bzw. DSM IV definierten Diagnose einer autistischen tiefgreifenden Entwicklungsstörung. Dies ergibt einen Durchschnittswert von 1,61% von 100%.

Anmerkungen

27 der 181 Rückmeldungen machen auf eine Dunkelziffer von Menschen mit Autismus aufmerksam. Zum einen führen die Bearbeiter aus, daß sich die Vermutung einer höheren Anzahl von Menschen mit Autismus auf eigene Einschätzungen der Fachkräfte stützt, die nicht durch psychiatrische Diagnosen bestätigt sind, zum anderen weisen sie auf fehlende Diagnosen und auch Fehldiagnosen, insbesondere älterer Menschen in den Werkstätten, hin.

3. Frage - Verteilung innerhalb der Abteilungen

Ergebnis

Die graphische Darstellung zeigt, daß der weitaus größte Teil innerhalb heterogen zusammengesetzter Bereiche tätig ist. Da nicht explizit die zahlenmäßige Verteilung in die verschiedenen Abteilungen abgefragt wurde, beziehen sich die Zahlen an dieser Stelle auf die Vorhaltung von Arbeitsplätzen insgesamt für Menschen mit Autismus in den verschiedenen Abteilungen der Werkstätten.


Anmerkungen

Aufgrund der Anmerkungen ist davon auszugehen, daß unter "sonstige Bereiche" insbesondere solche gemeint sind, die "besondere Bedingungen" für Menschen mit Behinderungen bieten. Genannt wurden: "Beruhigte Arbeitsgruppen", mit zum Teil geringeren Beschäftigtenanzahlen als im Regelarbeitsbereich, oder Gruppen mit lärmverminderten Arbeiten, heilpädagogisch ausgerichtete Arbeitsgruppen und Arbeitsgruppen ohne Produktionsdruck. Unter sonstige Bereiche sind zudem Einzelarbeitsplätze erfaßt. Benannt wurde der Bürobereich. Vier Werkstätten gaben an, daß zurzeit eine Gruppe oder eine Einrichtung ausschließlich für Menschen mit Autismus in Vorbereitung ist.

4. Frage - Arbeitsfelder Ergebnis

Anmerkungen

Die Arbeitsplatzgestaltung und auch die Arbeitsabläufe im Bereich Montage und Verpackung bieten einen feststehen Arbeitsplatz und geregelte, gut zu strukturierende Arbeitsschritte und kommen den Bedürfnissen von Menschen mit Autismus nach Orientierung und Struktur entgegen. Die Verteilung der Menschen mit Autismus, insbesondere auf die Arbeitsfelder Montage und Verpackung, geben jedoch auch Hinweise auf die Gewichtung der vorgehaltenen Arbeit in den Werkstätten. Die Arbeitsfeldverteilung läßt zudem bedingt Rückschlüsse auf die individuellen Interessen und Kompetenzen der Menschen mit Autismus zu. Sie geben außerdem Hinweise auf die Bemühungen eines individuellen Arbeitsplatzzuschnittes durch die Fachkräfte. Zu den Arbeitsfeldern "Sonstige" wurden benannt:

Arbeitsfeld Anzahl der Nennungen
Metall 7
Bäckerei, Kräuterwerkstatt, Kerzenzieherei, Töpferei, Weberei, Mediengestaltung, Büro 2
Laden, Lebensmittel, Ausgelagerte Waldgruppe, Obstanbau, Textil, Archiv 1

5. Frage - Beauftragter für Menschen mit Autismus

Ergebnis

In 54 der 181 beteiligten Werkstätten existiert ein Beauftragter bzw. Ansprechpartner, der sich insbesondere dem Themenbereich "Autismus" (Arbeit, Rahmenbedingungen usw.) widmet.

Anmerkungen

Die Zahl selbst gibt keinen Aufschluß, in welchem Rahmen die Beauftragten ihre Tätigkeit wahrnehmen, welche Aufgaben umfaßt werden und welche Fachkompetenzen vorhanden sind. Ein häufig genannter Wunsch bestand in einer mit Unterstützung der BAG WfbM initiierten Netzwerkbildung.

6. Frage - Aspekte eines gelungenen Settings

Ergebnis

Abgefragt wurden die in der Graphik dargestellten Aspekte eines gelungenen Settings für Menschen mit Autismus innerhalb eines Beurteilungsrahmens, unbedeutend benannt mit Ziffer 1 und bedeutend, benannt mit Ziffer 5.



Anmerkungen

Die Einschätzungen bezüglich der Aspekte eines gelungenen Settings spiegeln insbesondere die theoretischen Darlegungen der Fachliteratur wieder (vgl. Häußler 2005, 104 und Jacobs 1984, 184). Die Erfahrungen in der Einschätzung notwendiger Arbeitsbedingungen, hervorgehoben als bedeutend in der Tabelle, sind vor allem die Notwendigkeit einer reizarmen Umgebung, die Kontinuität der Arbeit sowie der gleichbleibende Platz und die Größe der Gruppe. Insbesondere die Berücksichtigung des sich individuell darstellenden Hilfebedarfs der Menschen mit Autismus wurde von 31 Fachkräften benannt und zum Teil umfangreich geschildert.

7. Frage - Autismusspezifische Konzepte, Förderungsmodelle

Ergebnis

Neben den drei Hauptbereichen der Unterstützungsprogramme bzw. Methoden, Teacch, Unterstützte Kommunikation und Facilitated Communication (siehe Tabelle) wurden von bis zu drei Werkstätten aufgeführt:
  • Affolter Methode
  • Verhaltensmodifikation
  • Gebärdensprache
  • Elektronische Kommunikation (Sprachcomputer)
  • Melba
  • Aapep
  • Time-timer
  • Eine Werkstatt wies ein "Integratives Konzept für Menschen mit Autismus" aus.

Anmerkungen

Die Häufigkeit der Umsetzung des Teacch Programms, spiegelt die positive Beurteilung der Fachliteratur wieder (Punkt 3.4.1.). Während die Beteiligten die positiven Erfahrungen in der Arbeit mit Teacch und die Kommunikationserfolge durch die Einführung und Nutzung mit gestützter Kommunikation (Punkt 3.4.2.) hervorhoben, wurde die Umsetzung der "Unterstützen Kommunikation" unkommentiert aufgeführt. Bei "Melba" handelt es sich um ein Verfahren der Fähigkeits- und Arbeitsplatzanalyse. AAPEP ist ein Förderdiagnostisches Instrument für Jugendliche und Erwachsene, das ein Entwicklungs- und Verhaltensprofil darstellt. Time -Timer ist eine visuelle Unterstützung zur Verdeutlichung der Zeit. Das Konzept der problemlösenden Alltagsgeschehnisse nach "Affolter" ermöglicht über das Führen verschiedener Körperteile angemessene und entwicklungsfördernde Spürinformationen. (Methodenübersicht Märkische Werkstätten 2005,6)

8. Frage - Stellenwert der Zusammenarbeit

Ergebnis


Anmerkungen

Zu der Einschätzung des Stellenwertes der Zusammenarbeit wurde durch weitere Anmerkungen hervorgehoben, daß das Gelingen der Integration in die Werkstätten in besonderer Weise von einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den Angehörigen und den Fachkräften der Wohnheime abhängt. Im Übergang von Schule und Beruf wurde, neben den Anregungen häufigerer, individueller Praktika und einem intensiveren, längeren Heranführen an Arbeit in der Werkstatt, ebenfalls die Kooperation mit Angehörigen vor dem Eintritt in die Werkstatt unterstrichen. Der Zusammenarbeit mit den Autismustherapiezentren wurde der geringste Stellenwert eingeräumt. Lediglich vier Einrichtungen gaben eine regelmäßige Zusammenarbeit mit dem Autismustherapiezentrum an. Die Leistungen der Kostenträger, die durch ihre Finanzierung die Rahmenbedingungen mitbestimmen, wurden in Einzelfällen (3) als nicht zufrieden stellend bemängelt.

9. Frage - Spezifische Dokumentation

136 Werkstätten setzen keine autismusspezifische Dokumentation ein. 10 Einrichtungen verfügen über eine selbst entwickelte, spezifische Dokumentationsform für Menschen mit Autismus. 5 Werkstätten setzen eine an dem Teacch Programm orientierte Dokumentation ein, zum Teil erstellt mit Hilfe einer fachlichen Beratung.

Zusätzliche Hinweise:
    Hilfreich sind Kenntnisse und Sicherheiten von Deeskalationsstrategien Die Privatsphäre am Arbeitsort sollte gewahrt werden ("nicht alles an Eltern weitergeben") Menschen mit dem "Asperger Störungsbild" zeigen ein sehr hohes Förderpotential In Teilbereichen der Bundesrepublik Deutschland, z. B. Westfalen/Lippe, besteht die Möglichkeit einer erweiterten personellen Unterstützung (1:4) mit Hilfe einer von den Kostenträgern anerkannten Hilfebeschreibung Schwierigkeiten einer guten Umsetzung in der Zusammenarbeit mit Menschen mit Autismus und für Menschen mit Autismus bestehen durch eine zunehmend höhere Arbeitsdichte der Fachkräfte Teilweise besteht nur eine geringe Akzeptanz innerhalb der heterogenen Arbeitsgruppen für Menschen mit Autismus Gelingende Realisation von Arbeitsplätzen und Möglichkeiten scheitert in Folge mangelnder passender Arbeitsangeboten
Die Autorin:

Weber-Schuhmacher, Susanne, Die Möglichkeit der Teilhabe an Arbeit für Menschen mit Autismus in Werkstätten für behinderte Menschen, Diplomarbeit an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Studiengang Sozialpädagogik, 2006


Bei der Verwendung und Weitergabe dieses Textes verweise ich darauf, daß ggf. verwendete Inhalte, Zitate etc. als solche benannt und gekennzeichnet werden müssen (Susanne Weber-Schuhmacher).


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