Arbeitswelt 17.12.03
Controlling in der WfbM - Teil 1
Mit betriebswirtschaftlichen Instrumenten soziale Ziele erreichen

Herbert Bullmer

Jede Werkstatt für Menschen mit Behinderungen wird mit einer Vielzahl von gesetzlichen Verordnungen und Anforderungen der Kostenträger konfrontiert. Gleichzeitig will die Geschäftsleitung den Menschen mit Behinderungen eine sinnvolle und passende Arbeit geben. Diese wird dann -hoffentlich zu guten Konditionen- auf dem freien Markt verkauft. Diese vielfältigen Aufgaben verlangen vom Management Höchstleistungen. Ich werde im folgenden darstellen, wie betriebswirtschaftliche Controllinginstrumente die Geschäftsleitung bei dieser Höchstleistung unterstützen kann.

These 1: Controlling wird oft missverstanden.

Das Wort Controlling wird sehr oft missverstanden. Vielfach wird darunter Kontrolle verstanden, d.h. eine Methode der Unternehmensleitung den Mitarbeitern "auf die Finger zu schauen". In der Wirtschaft gelten die Controller als "Jobkiller", die nur darauf aus sind Stellen abzubauen, um Kosten zu sparen.

Dabei geht es jedoch um etwas ganz anderes. Das Wort Controlling kommt aus dem Englischen "to control" und heißt übersetzt steuern. Durch geschickte Steuerung soll ein bestimmtes Ziel erreicht werden.

Dieses Ziel muss jedoch keineswegs wirtschaftlicher Natur sein. Einige mögliche Ziele seien hier zur Verdeutlichung genannt:
  • Steigerung der Effizienz der Verwaltung
  • Verbesserung der Kommunikationsstrukturen
  • Steigerung der Auslastung der Werkstatt (oder einzelner Bereiche)
  • Erhöhung der Vergütungen für Menschen mit Behinderungen
  • Erweiterung des Angebotes für die Klienten
  • Transparenz der Kosten
  • Imageverbesserung
Der Controller hat bei dieser zielgerichteten Steuerung die Aufgabe, wie ein Lotse oder Navigator vor Klippen im Meer zu warnen und unter Berücksichtigung der Strömung, des Windes etc. dem Kapitän alle Informationen zur Verfügung zu stellen, um die passende Route auszuwählen.

Dabei kann eine Vielzahl von Methoden eingesetzt werden. Jede Methode betrachtet die Situation aus einem anderen Blickwinkel, sodass je nach Situation, der eine oder andere Blickwinkel weiter hilft. Ohne ein geeignetes Controlling verschließt man die Augen vor möglichen Gefahren.

Ich werde nun im folgenden zunächst die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Struktur des Zielsystems von NPOs (Nonprofit-Organisationen) und Wirtschaftsunternehmen darstellen und überprüfen, inwieweit betriebswirtschaftliche Controllinginstrumente auf soziale Einrichtungen übertragbar sind.

These 2: Soziale Einrichtungen haben zum Teil die gleichen Ziele wie Wirtschaftsunternehmen, jedoch noch weitere Ziele und daher ein komplexeres Zielsystem.

Sowohl Wirtschaftsunternehmen, als auch NPO haben ein komplexes Zielsystem, dem das Controllinginstrumentarium Rechnung zu tragen hat.

Die Ziele eines Wirtschaftsunternehmens werden u.a. beeinflusst durch die Kunden, die Kreditgeber (Banken), den Staat (z.B. durch Steuergesetzgebung), die Mitarbeiter und die Anteilseigner.

Die Hauptziele von Wirtschaftsunternehmen sind meist der langfristige Unternehmenserhalt und die jederzeitige Liquidität.. Weitere Ziele sind beispielsweise das Anstreben der Marktführerschaft oder andere strategische Ziele. Selbstverständlich spielt das Ziel der Gewinnerzielung eine große Rolle. Im Gegensatz dazu ist das Ziel der Gewinnmaximierung allenfalls nachrangig und vielfach überhaupt nicht vorhanden. In vielen Fällen besteht eine starke Abhängigkeit der Unternehmen von den Banken und deshalb ist nicht zuletzt eine gutes Rating, ein wichtiges Ziel. Für diesen vielfältigen Ziele wurden die unterschiedlichsten betriebswirtschaftlichen Controllinginstrumente entwickelt.

Die Ziele von NPO werden beeinflusst durch die Klienten, Angehörige der Klienten, öffentliche, halböffentliche und private Träger, Verbände, Vereine und deren Mitglieder und durch die öffentliche Meinung. NPO sind meist stark abhängig von staatlichen Institutionen. Hauptziele von NPO sind humanitärer oder sozialer Natur z.B. die Leistung an Bedürftige oder die Förderung der eigenen Mitglieder. Ebenso überlebensnotwendig für die NPOs sind jedoch auch die Hauptziele der Wirtschaft - der Substanzerhalt und die Liquidität.

Übrigens: entgegen anderslautenden Gerüchten ist es steuerbegünstigten NPO durchaus gestattet Gewinne zu erwirtschaften, solange diese wieder für den Satzungszweck verwendet werden. Die Gewinnerzielung ist jedoch kein Hauptziel.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Zielsystem von NPOs viele Gemeinsamkeiten mit Wirtschaftsunternehmen aufweist, jedoch meist komplexer ist. Daher sind viele Controlling-instrumente direkt auf NPOs übertragbar.

Im sozialen Bereich hat das Controlling sich jedoch noch zusätzlich auf die sozialen oder humanitären Hauptziele und die Anforderungen der Kostenträger auszurichten. Hierzu müssen Controllinginstrumente angepasst und verändert werden.

These 3: Das betriebswirtschaftliche Controlling-Instrumentarium ist in angepasster Form in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen einsetzbar.

Eine Vielzahl von Controllinginstrumenten können bei der Steuerung einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen helfen.

Die Instrumente dienen dabei entweder dem kurzfristigen Controlling (sog. operativen Controlling) bis zu einem Zeithorizont von ca. drei Jahren oder der längerfristigen Betrachtungsweise - dem strategischen Controlling.

In der nächsten Ausgabe werde ich zunächst die mehrstufige Deckungsbeitragsrechnung mit Haupt- und Hilfskostenstellen - eine Methode des operativen Controllings erläutern.

Diese Methode gibt einen genauen Überblick über die Wirtschaftlichkeit der Einrichtung, sowie der einzelnen Abteilungen oder Bereiche. Ihre Ergebnisse bilden die Grundlage für Kennzahlensysteme, Zielvereinbarungssysteme oder Liquiditätsbetrachtungen.

In den folgenden Ausgaben von Werkstatt-Dialog werde ich zwei ausgezeichnet einsetzbare Instrumente des strategischen Controlling vorstellen:
  • das Success Ressource Deployment (SRD)
  • und die Balanced Scorecard (BSC)
Das SRD untersucht die heutige und zukünftige Relevanz der eingesetzten Mittel (Ressoucen) für den angestrebten Erfolg (Success). Die Ergebnisse dieser Untersuchungen liefern eine Vielzahl von konkreten Maßnahmen, wie die Geschäfte vitalisiert werden können und ein angestrebtes Ziel erreicht wird.

Die Balanced Scorecard ist ein umfassendes Management-System zur strategischen Führung eines Unternehmens mit Kennzahlen. Die Kennzahlen werden in vier unterschiedliche Perspektiven unterteilt, die finanzwirtschaftliche Perspektive, die Kundenperspektive, die interne Prozessperspektive und die Lern- und Entwicklungsperspektive. Das System der BSC ist offen, sodass je nach Zielsetzung neue Perspektiven hinzugefügt werden können.

Alle Methoden des operativen und strategischen Controlling sind kombinierbar und können dabei helfen, die Ziele in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen effektiv und effizient mit den begrenzten Mitteln zu erreichen.

Herbert Bullmer
Dipl. Betriebswirt (FH)
Dipl. Sozialpädagoge (FH)
Wirtschaftsberater für soziale Einrichtungen Kempten
www.herbert-bullmer.de externer Link



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