Panorama 25.05.22
Den Wandel in Gesellschaft und Arbeitswelt mitgestalten
Martin Berg
© BAG WfbM/Ben Knabe
Martin Berg, Vorsitzender der BAG WfbM erklärt in einem Interview, welche Bedeutung der Werkstätten:Tag 2022 hat und was die kommenden Herausforderungen für die Gestaltung der Werkstattleistung sind. 

Herr Berg, die BAG WfbM richtet alle vier Jahre den Werkstätten:Tag aus. Welche Bedeutung hat die Veranstaltung für den Verband?
Martin Berg: Der Werkstätten:Tag als Bundeskongress der Werkstätten hat eine große Bedeutung für den Verband, da er die Mitglieder der BAG WfbM zusammenbringt. Menschen mit und ohne Behinderungen aus Werkstätten kommen zusammen, um sich auszutauschen und sich mit aktuellen Themen zu befassen. In diesem Jahr hat der Werkstätten:Tag nochmals eine größere Bedeutung, da er im Jahr 2020 ausfallen musste und nun seit Beginn der Pandemie das erste Mal wieder eine große Veranstaltung stattfindet und somit Begegnungen von Angesicht zu Angesicht möglich sind. 

Das Motto der diesjährigen Veranstaltung lautet: Werte leben, Grenzen überwinden, Inklusion gestalten. Für was steht dieser Dreiklang? 
Martin Berg: Das Motto zum Werkstätten:Tag wurde bereits im Jahr 2019 kreiert. Der Dreiklang hat an Aktualität jedoch nichts eingebüßt. Werte sind die Grundlage für Haltung und Respekt für unsere Arbeit für und mit den Menschen mit Behinderungen. In den letzten zwei Jahren wurden gemeinsam Grenzen überwunden. Im positiven und manchmal vielleicht auch im negativen Sinne – zum Beispiel durch die Betretungsverbote der Werkstätten zu Beginn der Pandemie – und dies kann an mancher Stelle zu einem Rückschritt in Sachen Inklusion geführt haben.
Umso wichtiger ist es jetzt, dem Dreiklang folgend, die gelebten Werte aus Werkstätten noch stärker in die Gesellschaft zu bringen, Grenzen in den Köpfen der Menschen zu überwinden und somit gemeinsam Inklusion zu gestalten. Dabei sollte stets das Ziel sein, die inklusive Arbeitswelt weiterauszubauen.

Am Kongress nehmen Mitarbeitende mit und ohne Behinderungen aus Werkstätten, die Mitglied der BAG WfbM sind, teil. Was sind die Ziele und welche Botschaften möchten Sie vermitteln?  
Martin Berg: Ziel des Werkstätten:Tag ist es, alle interessierten Mitglieder der BAG WfbM und Gäste aus Politik und Gesellschaft zusammenzubringen. Aktuelle Themen zu diskutieren, sich im Rahmen des Kongresses austauschen zu können und bestehende Netzwerke wieder persönlich zu pflegen und neue Netzwerke zu bilden. Die letzten zwei Jahre haben einerseits dazu geführt, dass viele wichtige Themen in Werkstätten nicht die Aufmerksamkeit erhalten konnten, der sie bedurften, andererseits gab es eine massive Beschleunigung beim Thema Digitalisierung. Nun gilt es, mit den neu gewonnenen Erkenntnissen die Werkstattleistung weiterzuentwickeln und zukunftsfähig im Sinne der Menschen mit Behinderungen zu gestalten. Die Botschaft an die Teilnehmenden des Werkstätten:Tag lautet: den Wandel in Gesellschaft und Arbeitswelt mitzugestalten.

Was sind aus Ihrer Sicht zurzeit die größten Herausforderungen für und in Werkstätten in Deutschland? 
Martin Berg: Es besteht weiterhin die Herausforderung, das neue „Normal“ bei der Erbringung der Werkstattleistung umzusetzen. Themen, die schon seit langem „Brennen“ müssen jetzt aufgegriffen werden, um sie gemeinsam mit den Werkstattbeschäftigten zu bearbeiten. Dazu gehören die Themen der weiteren Ausgestaltung und Anerkennung der Beruflichen Bildung, das Thema der Digitalisierung und selbstverständlich die notwendige Reform des Entgeltsystems. 

Was sind Ihre politischen Forderungen, um die Entwicklung der Werkstattleistung bundesweit voranzutreiben? 
Martin Berg: Es muss endlich zu einer Reform des Entgeltsystems kommen. Dieses Thema treibt die Werkstattträger, aber natürlich auch die Menschen mit Behinderungen, schon seit Jahren um. Ein nachhaltiges, zukunftsfähiges Entgeltssystem muss geschaffen werden. Dieses sollte die Wertschätzung der Arbeit, die die Menschen mit Behinderungen leisten, ebenso reflektieren als auch die Menschen aus der Grundsicherung herausbringen und ihnen ein selbstbestimmteres Leben ermöglichen, als es derzeit für sie möglich ist. 

Eine weitere wichtige Forderung der BAG WfbM ist: ein Programm zur dauerhaften und nachhaltigen Finanzierung von digitaler Infrastruktur und zur Förderung digitaler Kompetenzen von Fachkräften und Menschen mit Behinderungen in Werkstätten zu etablieren. Nur so können Werkstätten zeitgemäße und nachhaltige Teilhabe in Bildungs- und Arbeitskontexten ermöglichen. Die Voraussetzungen für Berufliche Bildung und lebenslanges Lernen sowie die Digitalisierung von Arbeitsprozessen müssen verbessert werden. Damit können neue Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen geschaffen und arbeitsmarktnahe Beschäftigungsangebote realisiert werden.

Und selbstverständlich muss den Menschen, die die Werkstattleistung in Anspruch nehmen eine im bestehenden Bildungssystem in Deutschland gesetzlich anerkannte Berufliche Bildung ermöglicht werden, mit allem, was dazu gehört. Grundsätzlich sollte es zukünftig möglich sein, die Werkstattleistung, d. h. die Berufliche Bildung und die Arbeit in Werkstätten, anschlussfähig zum Arbeitsmarkt zu gestalten. 

„Mehr als ein Job“ ist derzeit auf vielen Saarbrücker Citylights und Großflächen zu lesen. Was bedeutet der Claim für die BAG WfbM, auch im Kontext des Werkstätten:Tags 2022?
Martin Berg: Mit der Kampagne „Mehr als ein Job“ informiert die BAG WfbM über die Vielfältigkeit und Relevanz der Werkstattleistung. Die Werkstattleistung wird dargestellt und Fakten werden aufgegriffen, um der Öffentlichkeit einen objektiven Blick auf das komplexe System zu ermöglichen und zu einer Meinungsbildung anzuregen, die alte Klischees außen vorlässt.

Im Kontext des Werkstätten:Tag dient die Kampagne dazu, die saarländische Öffentlichkeit, aber auch die Kongressteilnehmenden, gezielt zu informieren und Neugierig auf das Thema Inklusion in der Arbeitswelt zu machen. 
Klar ist: der Arbeitsmarkt, die Gesellschaft, der Staat und auch die Werkstätten müssen noch konsequenter gemeinsam daran arbeiten, Menschen mit Behinderungen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu bringen. Damit eine inklusive Gesellschaft möglich wird, bedarf es zielgerichteter Informationen, die dann zu einem gesellschaftlichen Umdenken beitragen können.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Mehr Informationen zum Werkstätten:Tag 2022 finden Sie unter: www.werkstaettentag.de externer Link
 


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